SOZIALPRAKTIKUM IN SPANIEN
Taller Tobias
19 Febrero hasta 9 Avril 2008
Von Flughafen zu Flughafen.
- Diesen Moment liebe ich: Wenn die Autotür zufällt, und man nur noch den Flughafen und alles was danach kommt vor sich hat; Plötzlich gibt es nichts mehr, was man eigentlich noch machen müsste, keine Pflichten mehr, alles wird ruhig und gut.
- Wie immer wundere ich mich über die Selbstverständlichkeit, mit der man in ein Flugzeug steigt. Der Ablauf ist viel geregelter, ruhiger und routinierter, als wenn man beispielsweise in einen Bus steigt. Es muss nicht nach Kleingeld oder Platz gesucht werden. Man muss sich um nichts kümmern, nicht einmal die Stationen zählen, bis es so weit ist auszusteigen. Wenn man will kann man mit den unbekannten Menschen ein paar unbeschwerte Worte wechseln. Niemand ist im Alltagsstress. Ich setzte mich hin, vertiefe mich in mein Buch –bis zum Abflug werden ja ohnehin noch einige Minuten vergehen.
- Wir fliegen über die Schweiz. Ich glaube, im Winter habe ich sie noch nie von oben gesehen: unfreundlich braun. Kaum zu glauben, dass das unser fruchtbares Europa sein soll. Statt die höchsten Gipfel der Anden sehe ich diesmal nur Schornsteine von Kraftwerken aus dem Nebel zeigen.
- Nach kurzem Flug landen wir in Madrid. Es regnet. Ich steige aus. Wieder ist alles ganz routiniert und vertraut. Ich fühle mich wie zuhause, ich liebe es. Es sind mehrere Flieger aus Südamerika auf einmal gelandet: Die vertrauten Andenmuster auf Pullovern, Taschen und Rucksäcken. Ein großer Teil der Menschenmenge stammt eindeutig aus Bolivien und Peru. Ich frage mich, wie sie sich fühlen. Nach der Passkontrolle verläuft sich alles.
- Ich frage bei der Touristeninfo, wie ich nach Villalba komme (Ich hatte mich an die unzähligen Männer und Frauen im grasgrünen Jackett vom letzen Jahr erinnert, und mich um nichts gekümmert), hole meinen Rucksack und mache mich auf den Weg.
La Cercanía
- Was für ein unschöner Anblick. Beim Verlassen des Untergrundes fühle ich mich sehr an große südamerikanische Städte erinnert. Mir wird bewusst, dass ich nicht mehr zuhause bin. Dass ich mich (mal wieder) in einem ganz anderen Land zwischen ganz anderen Leuten befinde. Wie katapultiert in ein anderes Universum. Irgendwann hört die Stadt auf und für einen Moment habe ich das Gefühl, mitten in einem unbekannten Märchenwald zu sein, denn wir fahren gleichmäßig durch eine Unmenge von mittelhohen Bäumen mit dichten runden Baumkronen und knorrigen Stämmen, die bis zum nahen Horizont reichen. Dazwischen liegt schwerer Nebel. Ich erinnere mich an Andalusien und wie sehr mich damals die kein Ende nehmenden Olivenplantagen fasziniert haben. Wie hatte ich das vergessen können? Allerdings sind das keine Oliven. Es geht so weiter. Unter den Bäumen immer der trockene, nackte Boden. Manchmal tauchen unschöne Städte inmitten meines Dschungels auf - mit neuen, riesengroßen Wohnkomplexen wie in Bogotá. Mal wieder ärgere ich mich über den Menschen. Manchmal liegen überall riesige Steinbrocken herum und ich habe das Gefühl in einem verlassenen Ort aus einem Science-Fiction Roman zu sein. Alles ist grau und still. Bei schönerem Wetter würde man wahrscheinlich an Korsika denken.
- Ich frage mich zum ersten Mal nach dem Sinn und Zweck dieses ganzen Unterfangens und warum ich eigentlich nicht einmal bleiben kann, wo ich hingehöre. Ich spüre die Müdigkeit und denke an das, was mir an diesem Tage noch bevorstehen würde. All die neuen Leute, die ich kennen lernen würde müssen. Die Arbeit. Ich frage mich, ob ich das überhaupt will.
- Bis ich in Villalba ankam hatte ich meine 2 Rucksäcke mit den 1000Büchern und Laptop schon ganz schön weit geschleppt: Erst das Hin und Her (inklusive der Bahn) am Flughafen, das Umsteigen von der Metro auf die Cercanía und dann hat es sich doch als schwieriger als erwartet herausgestellt, die Adresse in Villalba zu finden. Villalba stellte sich als größer und die Straße als kleiner als erwartet heraus. Zum Schluss ließ ich mich von einem Lehrer eines der hiesigen Gymnasien führen. Er konnte sieben Sprachen, hatte ein Deutschwörterbuch in der Tasche und ein Baguette auf dem Arm. Irgendwie war alles doch sehr surreal. Das wurde nicht besser als ich zu Guter letzt mein Gepäck durch die verfallene Straße schleppe, die mir vorkam wie aus einem Roman. Irgendwann stehe ich vor einem fragwürdigen Tor ohne Namen. Wenigstens hatte der Regen noch ein wenig ausgeharrt.
Angekommen
- Es war etwa halb sechs und ich wurde von Carmen, die selbst erst seit einem Monat hier ist zu meinem Zimmer geführt. Ein Haus auf dem Hof hinter dem Tor. Ich war ihr sehr dankbar und blieb erstmal ein paar Minuten dort. Hier würde ich viel Ablageplatz haben, was gut war. Allerdings fehlt ein Schreibtisch.
- Dann finde ich mich im „Taller“ ein (ein Mehrzweckraum, der vormittags und nachmittags jeweils für unterschiedliche Aktivitäten herhält. Auf Deutsch „Werkstatt“). Parco, der den verreisten Chef vertritt ist eine wunderbare Person, die unwahrscheinlich gut mit den Betreuten umzugehen weiß. Von ihm kann man sehr viel lernen. Er kennt Almut sehr gut - Sie kommt wohl regelmäßig hier vorbei und er hat fünf Jahre in der Fínca Río Padrillo gearbeitet. Leider ist sein Spanisch für mich bisher wirklich anstrengend zu verstehen.
- Der Aktivitätenfächer ist der übliche: Wolle-, Papier-, Holzwerkstatt, Backen, Spazieren, Film, Messe, Ausflüge –Der Tagesrhythmus weicht aber vom unsrigen deutlich ab: Erst ab acht werden die Betreuten geweckt und für den neuen Tag „fit“ gemacht. Erst um elf gibt es Frühstück. Dann geht es in den Taller. Einige haben Gymnastik, Heileurhythmie oder Fuß-Reflexzonenmassage. Mittagessen um zwei. Alle um einen Tisch. Siesta, Taller, Abendessen um acht, Stuhlkreis (wie auch schon morgens vor dem Frühstück) gestern war dieser erst um halb elf fertig. Bis alle im Bett sind dauert es entsprechend länger.
- Die Details betreffend ist vieles wie in Altenschlirf: Michelangelo, Da Vinci und der Menschheitsrepräsentant hängen an den Wänden, die (Baum-)Sprüche, die ich noch lernen will auf Spanisch und die Bachblüten-Tropfen. Dennoch sind einige äußere Umstände deutlich anders: Es handelt sich um ein sehr begrenztes, voll gestopftes und uneinsichtiges Grundstück, auf dem sich zwei Häuser (das Haupthaus und das, in dem momentan nur Nestor und ich wohnen) und mehrere kleine (das des Chefs, der zZ in Barcelona und Alicante ist, der Taller, ein Lagerhaus, die Hundehütte und noch einige andere) dazu zwei große Wohnmobile und ein Kleinbus. Das kleine Stück Rasen ist nicht frei von Hundedreck und man muss sich zwischen allem hindurchquetschen um zum erwähnten Tor zu kommen. Auch das Haupthaus platzt aus den Nähten. Es handelt sich um nur ein Stockwerk mit einer inzwischen deutlich zu kleinen Küche, fünf Schlafzimmer a zwei (und einmal drei Betten), zwei zu kleinen Badezimmern, einen Essenssaal mit einem winzigen angrenzenden Raum, wo sich zum Stuhlkreis zusammengefunden wird aber nicht mehr alle Platz haben.
- Das Essen ist, glaube ich, mehr waldorf als spanisch. Es wird nichtvegetarisch gekocht.
- Was mir aber aufgefallen ist: In Altenschlirf war ich von morgens sieben bis abends neun dabei, allerdings ohne die Betreuten morgens zu wecken oder sie abends ins Bett zu bringen. Hier habe ich heute Morgen das volle Programm mitgemacht: Waschen, Zähneputzen, Duschen, aufs Klo bringen, Umziehen, Betten Überziehen. Diesmal würde ich auf keinen Fall wieder das ganze 15h-Programm mitmachen wollen. Die Schichten sind entweder von acht bis vier (nach dem Mittagessen) oder von vier bis nachts bzw. bis zum nächsten Morgen. Heute war ich bis vier dabei, morgen wird es genauso sein, weil ich mich ja noch mit Gonzalo treffen möchte. Angeblich wird Ángel, der Chef mir irgendwann meinen „Arbeitsplan“ telefonisch durchgeben. Davor graut es mir ein wenig. Ich würde ihn, gerade angesichts meiner vielen Pläne, lieber mündlich besprechen.
- Gestern hatte ich meine Mitarbeiter kaum kennen gelernt. Die Gelegenheiten dazu sind auch wirklich knapp. Heute sieht es schon besser aus: Dass Parco mit seinen ewig langen kleinen Locken eine wirklich sympathische Person ist, habe ich schon gesagt. Dann gibt es zwei Personen, die in der Küche arbeiten, die auch sehr nett scheinen. Es gibt zwei Senyoras aus Bolivien (ich glaube, wir haben uns gegenseitig ins Herz geschlossen, als wir von unserer jeweiligen Verbindung zum ärmsten aller südamerikanischen Länder erfuhren), eine junge Frau aus Polen, die seit über einem Jahr mit ihrem spanischen Mann irgendwo hier in der Nähe wohnt, Carmen und noch zwei oder drei andere Chicas, die auch nicht viel älter als ich sein können. Nestor, der seit Oktober hier arbeitet und neben mir wohnt, hat mir schon einiges Praktisches zu Haus und Waschmaschine erklärt UND mir vorhin ein Mädel vermittelt, die schon immer jemanden zum Joggen gesucht hat. Er will mir außerdem die Stadtbibliothek zeigen, wo ich hoffentlich auch als Ausländer das Internet eine Stunde täglich benutzen darf. Bin sicher, dass wir mal was zusammen machen werden.
- Es steht also alles gar nicht so schlecht. Liebe Grüße nach Deutschland, Solveigh
