Solveigh in Latin-America

Thursday, December 28, 2006

Auf die Probe gestellt

-am 26. (als Weihnachten hier schon wieder vorbei war) erhielt meine Gastgeberin besuch von ihrer Schwester samt Familie, die ich schon am 24. in Ambato kennengelernt hatte und irgendwie kam diese auf die Idee mich ganz schön zu löchern. Auf ziemlich viele, mitunter ziemlich unverholene Fragen folgten Aufforderungen doch hier in Latacunga mit ihr und ihrer Schwester ein "soziales Projekt" aufzubauen. Felsenfest vertrat sie die Meinung, dass es den Leuten hier schlecht ginge (was stimmt) und das es noch keinerlei Projekte der sozialen Art hier gäbe (was Quatsch ist, weil es 100te gibt). Sie wollte also ziemlich genau von mir wissen, wie wir den vorgehen müssten (genauergesagt müssen), wer was zahlt und ob ich das nicht alles machen könnte. Was mich bei diesem Gespräch ziemlich gestört hat war ihre Ahnungslosigkeit und vor allem eigentliches Desinteresse (was sich schliesslich zB auch darin äusserte, dass sie einfach den Tisch verliess und mich mit ihrem Mann und ihren erwachsenen Töchtern allein weiter diskutieren liess...). Was ich aus diesem immerhin ziemlich langen Gespräch am Schluss mitnahm, war der Schluss, dass solches eigentlich möglich sein müsste (ich Tena aber wegen des für mich spannenderen Ambiente vorziehe -der Raum Ambato/Latacunga ist in der Hinsicht wirklich alles andere als spannend) und dass mein Spanisch schon ganz schön prüfungsreif geworden ist!!! (insgesammt weiss ich allerdings nicht, was die Dame damit bezwecken wollte...)
-Es gibt noch mehr Dinge hier, bei denen ich ganz schön standhaft sein muss. ZB, dass ich, egal wo ich mich auch aufhalte nie Ruhe habe. Ich kann mich auf keine Parkbank setzen, ohne dass mich jemand anquatscht (normalerweise Männer -unappetitlich oder nicht) -da hilft es auch nichts die Nase bis zum Anschlag in einem Buch zu vergraben. Genauso schlimm ist es natürlich während jeder Busfahrt (und da gibt es dann noch weniger Entkommen)... Heute, als ich zB ziemlich erschöft von meinem Markt-Besuch wieder nach Latacunga zurückkehrte und mich irgendwo hinsetzte (ich versuche schon immer alles, den Leuten auszuweichen), kam natürlich wieder gleich so ein Typ (von der unappetitlicheren Sorte) und quatscht mich an :( Ich hab versucht mich nicht-spanisch-sprechend zu stellen und liess ihn quatschen. Das ganze ist gar nicht so einfach, weil man mir inzwischen schon bei jedem "si" oder "no" anmerkt, dass ich mehr als diese zwei Wörter beherrsche... Jedenfalls wurde der dann immer wütender (und ich hatte echt keinen Bock auf gar nichts) und wandte sich an andere Passanten, um diesen zu eröffnen, dass er mich schon woanders hat Spanisch sprechen hören und dass ich mich jetzt weigere mit ihm zu sprechen, dass er das nicht verstehe etc. Oh mann. Und zu allem Überfluss kamen dann auch noch zwei siebzehnjährige Mädels, mich anzuquatschen und in meiner Geistesabwesenheit, hatte ich denen dann schon längst auf Spanisch geantwortet bevor ich mich des anderen, immer noch lamentierenden, Typen besann. Jedenfalls gab ich in diesem Moment mal wieder auf und verbrachte die nächsten 1 1/2h mit den 2 Mädels und beantwortete ihnen alle ihre 1000 Fragen... Ist ein bischen doof, dass ich jetzt oft schon aus Prinzip auf Abwehrposition gehe, ganz egal wer mich anspricht. Die positive Seite an diesem "Problem" ist natürlich, dass ich nie "allein" bin. Ich könnte auch jeden hier einfach anquatschen und er würde sich freuen. Und ständig erhalte ich Einladungen irgendwohin. Gestern zB schon wieder zwei nach Quito (und zwar stammt eine davon von einem ziemlich gutaussehenden Salsa-Lehrer). Wenn ich mir da Ecuadorianer in zB Deutschland vorstelle -oh mann, das sind wirklich nur ganz wenige und nur eine bestimmte Sorte Leute, die bei uns auf diese Weise Einladungen aussprechen...
-"Beschwerden" zum Thema Essen. Habe ich schon erwähnt, dass es während der mehr als drei Wochen, die ich bei den Santanas in Ambato verbracht habe genau einmal keinen Reis gab und in Tena bei 2 warmen Malzeiten täglich in mehr als zwei Wochen genau zweimal keinen Reis gab? (nur gut, dass mir Reis wirklich gut schmeckt!). Das selbe gilt für die ewige Suppe als erstes Hauptgericht (wofür es allerdings noch keine einzige Ausnahme gab, egal ob 35Grad tropische Hitze oder nicht). Wesentlich unangenehmer sind da die Hühner- oder Rinderbeine, die Regelmässig in der Suppe schwimmen. Das sind neben der Götterspeiseähnlichen Gelantine aber auch das einzige, was ich hier wirklich verschmähe.
-Transport: Wie ist das zu interpretieren, dass sich sämtliche Passagiere und der Busfahrer bei antritt jeder Busreise bekreuzigen?
-Pädergogik: Die grässlichen Plastikspielsachen, habe ich unten schon erwähnt. An dem (wie überall auch hier) schnell abgelegten Schrott, der sich im Regal des Kinderzimmers, in dem ich zZ schlafe stapelt, lassen sich die letzten Weihnachten und Geburtstage der Kinder abzählen. Ein anderes Erlebnis: Gestern war ich mal wieder im selbsternannten "Paradis Banos" in den Termalbädern "schwimmen" (was mir übrigends eigentlich echt gefällt -va die letzten zwei Male, als ich einmal morgends um vier dort war und einmal abends). Mein Gott - die Leute tummeln sich dort, dass man kaum durch kommt (vorzugsweise allesamt auf der Treppe!). Ausserdem kann hier scheinbar niemand schwimmen. Va die indigene Bevölkerung nicht. Sie halten ihre Kinder ins Wasser und schreien "strampel, strampel" und wenn sie trotzdem absaufen, schreien sie "strampel mehr". Oh man, mich hats echt gejuckt, denen mal zu zeigen wie das geht, aber ich wollte nicht die dumme Gringa sein, die alles besser kann...
-Qué mas? Vielleicht, dass ich zZ jeden Tag mindestens eine Stunde betenderweise mit den Nonnen in der Kirche verbringe? Aber eigentlich finde ich das bisher noch ganz interessant -eine interessante Erfahrung... Kann auch schon das Vaterunser und das Ave Maria auf Spanisch beten (fast so schnell wie die Nonnen ;p) -Oh mann, das ist wirklich eine interessante Erfahrung mal so eng mit Nonnen zusammen zu leben! Das ist echt wie im Film! Feindseligkeiten, Hänseleien, ein getuschel, bis alle die richtige Seite im Gebetsbuch gefunden haben. Böse Blicke, wenn manche was vergessen haben, oder das Buch immer noch nicht aufgeschlagen haben. Ein hin und her, ein raus und rein, unglaublich! Fast so unglaublich, wie die Geschwindigkeit, mit der sie den Rosenkranz runterrasseln (warum das 5x10 Gebete etc sind, konnte mir dann aber leider keiner (e) erklären...)
Wieder gilt: Das sind jetzt mal wieder alles Sticheleinen, aber ihr wisst ja: Ich geniesse meine Zeit hier und bin dankbar für jede einezelne Erfahrung!

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